Wie Blind Spots Entscheidungen beeinflussen

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Menschen entscheiden nicht immer rational. Das gilt im Privatleben genauso wie im wirtschaftlichen und öffentlichen Bereich und hat unmittelbar damit zu tun, dass wir Dinge unterschiedlich wahrnehmen, Stereotypen aufsitzen und von verschiedenen Interessen und sozialen Normen geprägt werden. In der Folge entwickeln wir sogenannte Blind Spots, „blinde Flecken“. Diese führen oft dazu, dass wir die Realität verzerrt sehen und dadurch falsche Entscheidungen treffen. Im Konfliktmanagement spielen Blind Spots eine wesentliche Rolle.

Auch in Unternehmen, Institutionen und Organisationen, Behörden und auf staatlicher Ebene stellt sich daher die Frage, wie groß die Blind Spots sind. Sind wir uns dieser „blinden Flecken“ bewusst sind und Willens sowie in der Lage, sie auszumachen, können wir unsere Entscheidungsfindungen positiv beeinflussen.

„Blinde Flecken“ sichtbar machen

Aus der verhaltensökonomischen Forschung wissen wir, dass konkret vier Treiber für die Entstehung von Blind Spots verantwortlich sind. Um diese zu finden und zu verkleinern, können wir uns bestimmter Instrumente bedienen, die die Verhaltensökonomie zur Verfügung stellt. Weil diese Disziplin auf der Spieltheorie beruht, werden Experimente stets mit einer Menge von Menschen durchgeführt, um Aussagen über das Aggregat zu treffen.

Zwar ist es natürlich relevant, wie und weshalb eine einzelne Person Entscheidungen trifft, wesentlicher aber ist die Frage, wie sich mehrere Beteiligte im Zusammenspiel verhalten und sich das auswirkt. Fließen die aus der verhaltensökonomischen Forschung gewonnenen Erkenntnisse um die Entstehung von Blind Spots in die Beratung ein, können Unternehmen erfolgreicher werden, bestehende Konflikte bearbeiten und auch Kooperationen eingehen, die immer zu mehr Effizienz führen.

Vier Treiber lassen Blind Spots entstehen

1. Unterschiedliche Innen- und Außenwahrnehmung

Wie wir uns selbst sehen und wie wir von Außen wahrgenommen werden, unterscheidet sich oft stark voneinander, ohne dass uns das bewusst ist. Das Problem daran: Wenn wir von falschen Realitäten ausgehen, treffen wir fehlerhafte Entscheidungen. Daher ist es wichtig, die Innen- und Außenwahrnehmung miteinander in Einklang zu bringen, was durch die Anwendung von State-of-the-Art-Methoden auch gelingt.

2. Eigennutzen, der über dem Gesamtnutzen steht

Wichtige Entscheidungen werden in Unternehmen auf allen Ebenen getroffen, sollten immer das Wohl aller im Sinne haben und gewinnbringend sein. Tatsächlich ist es aber oft so, dass eigene Interesse im Vordergrund stehen – und das kostet mitunter schon kurzfristig Geld. Auf längere Sicht leidet sogar die Reputation, die auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen beruht. Werden diese erschüttert, kann das ein Unternehmen dauerhaft schädigen. Es gilt daher, die Compliance-Kultur zu stärken und Anreizsysteme zu schaffen, mit denen nicht zuletzt ehrliches Verhalten belohnt wird.

3. Vernachlässigung des Faktors Geduld

Stress, zu hohe Zielsetzungen, Ergebnisdruck und vieles mehr beeinflussen unseren Arbeitsalltag und letztlich auch die Ergebnisse eines Unternehmens negativ. Der Grund dafür ist, dass viele Unternehmensführungen Kurzfristigkeit eher belohnen als Geduld und Ausdauer. Es gilt daher, mit einer guten Corporate Governance in einer Compliance-Kultur Entscheidungsprozesse und -Kompetenzen so zu gestalten, dass Langfristigkeit und damit verbundene, noch in der Zukunft liegende Ertrags- und Kostenquellen ganz selbstverständlich einfließen dürfen.

4. Wiederkehrende Verhaltensmuster und kognitive Verzerrung

Unser Denken beruht auf unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen, wir tragen bestimmte Stereotypen in unseren Köpfen, urteilen und interpretieren dementsprechend subjektiv. Dadurch lassen wir uns oft täuschen, glauben, Zusammenhänge zu erkennen, die es so gar nicht gibt, oder übersehen Wesentliches. Treffen wir unter diesen Voraussetzungen Entscheidungen, schätzen wir möglicherweise Chancen und Risiken falsch ein. Um solche Gefahrenquellen weitgehend zu vermeiden, sollten Unternehmen eine entsprechende Entscheidungsarchitektur entwickeln und installieren.

(Quelle: FehrAdvice & Partners AG)

In der Verhaltensökonomie geht es immer darum, Entscheidungen auf Grund von Fakten zu treffen. Auch in der Beratung gilt es daher, diese vier Treiber zu erkennen und sie in die Analyse einfließen zu lassen. So werden Kunden in die Lage versetzt, die Realität so zu sehen, wie sie ist – und entsprechend darauf zu reagieren.

European Forum Alpbach – Veranstaltungshinweise:

„Konflikt oder Kooperation? Der Faktor Mensch in der Wirtschaft“
29. August 2017, 14:30 bis 15:30 Uhr
Keynote u.a. von Ernst Fehr, Professor für Mikroökonomik und Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich: Welche Rolle spielt der Mensch, der im Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns steht? Wie gehen Individuen mit Konflikten und Kooperationen um? Wie werden in Unternehmen und Staaten Entscheidungen getroffen? Und braucht die Wirtschaft Konflikte oder vielmehr langfristig erfolgreiche Kooperationen?
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„Meet the Speaker“ mit Ernst Fehr
29. August 2017, 15:30 bis 16:15 Uhr
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