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Der US-Präsident und sein Blind Spot

Auch als Gastkommentar erschienen in „Die Presse“ vom 29. August 2017

Weshalb Donald Trump laufend falsche Entscheidungen trifft, erklärt die Verhaltensökonomie mit seinem großen Blind Spot, der den Blick auf die Fakten verstellt. Eine Lösung wäre Mediation, doch die ist auf institutioneller Ebene nicht vorgesehen und beruht zudem auf Freiwilligkeit.

c Xaver Klaussner / Fotolia.com

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Donald Trump hat es nicht leicht und die Welt hat es nicht leicht mit Donald Trump. Mit vielen seiner Aussagen und Taten sorgte der US-Präsident bereits vor seiner Wahl für kollektives Kopfschütteln, fast ein Jahr später machen sich die Auswirkungen drastisch bemerkbar: Skandale, Eklats, Überwerfungen mit Mitarbeitern ebenso wie mit anderen Staatsschefs und viele falsche Entscheidungen prägen seine bisherige Amtszeit. All das sorgte dafür, dass das Land weitgehend unbeweglich geworden ist. Laut Umfragen liegt die Akzeptanz von Trump inzwischen bei nur noch 37 Prozent, selbst bei seinen Wählern ist sie auf 61 Prozent gesunken. Auch frühere US-Präsidenten bezogen bereits öffentlich Stellung gegen ihn und in den Medien wird offen über ein Impeachement-Verfahren nachgedacht. Sollte dieser Fall eintreten, wäre der Republikaner erst der vierte Präsident, dem eine Amtsenthebung droht.

Die Ursache dafür, dass Trump laufend falsche Entscheidungen trifft: Er hat einen sehr großen Blind Spot. Sogenannte Blind Spots verhindern, dass wir auf Grund von Fakten entscheiden. Trump ist dafür bekannt, dass er sich seine Welt gerne so zurecht zimmert, wie er sie gerne hätte, und nicht, wie sie ist. Wenn wir aber nicht Willens und in der Lage sind, unseren Blind Spot zu erkennen und zu verkleinern, bringt das teils schwerwiegende Konsequenzen mit sich – in Trumps Fall für die USA und auch für den Rest der Welt.

Was den Blick auf das große Ganze verstellt

Aus der Verhaltensökonomie wissen wir, dass vier Treiber Blind Spots entstehen lassen. Einer davon betrifft die Innen- und Außenwahrnehmung. Stimmen diese beiden nicht überein, gehen wir von falschen Realitäten aus und treffen entsprechend fehlerhafte Entscheidungen. Trump sieht sich selbst als „die wichtigste Person der Welt“, wie aus einem kürzlich geleakten Protokoll aus einem Telefonat mit dem australischen Premierminister Malcom Turnbull hervorgeht. Wie ernst er das wohl meint, zeigt auch sein gar rüpelhaftes Verhalten anderen Regierungschefs gegenüber. So schubste er zum Beispiel bei einem Besuch von EU und Nato Montenegros Ministerpräsidenten Dusko Markovic zur Seite, um sich für das gemeinsame Foto in der ersten Reihe aufzustellen.

Blind Spots entstehen auch, wenn der Eigen- über dem Fremdnutzen steht. Trumps Entscheidungen sind mehrheitlich von ganz persönlichen Gründen getrieben, anstatt das Wohl aller im Sinne zu haben. So entließ er FBI-Chef James Comey vor wenigen Monaten wohl eher aus Vergeltung und Eigeninteresse, wie das Magazin Politico – auch in Hinblick darauf, wie seine Entscheidungen grundlegend motiviert sind – schreibt. Trump bezieht nicht das große Ganze in seine Entscheidungen mit ein, vielmehr handelt er intuitiv und unbeherrscht. Gut zu sehen ist das auch an seinem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen, das alles andere als im öffentlichen Interesse war. Doch von internationalen Vereinbarungen scheint der US-Präsident nicht viel zu halten, lieber steigt er gegen alle in den Ring, wo er um jeden Preis als Gewinner hervorgehen will.

„Sein Motto heisse nicht ‚Anlegen, Zielen, Schießen‘, sondern ‚Anlegen, Schießen, Zielen’“, wird Trumps früherer Pressebetreuer Alan Marcus in einem Artikel auf watson.ch zitiert. Das passt auch hervorragend zum dritten Treiber, der Vernachlässigung des Faktors Geduld. Trumps Verhalten beruht nicht auf Geduld und Ausdauer, alles muss sofort und jetzt passieren, koste es, was es wolle.

Der vierte und letzte Treiber umfasst wiederkehrende Verhaltensmuster und kognitive Verzerrungen. Jeder Mensch nimmt Dinge unterschiedlich wahr, orientiert sich an Stereotypen, urteilt und interpretiert daher dementsprechend subjektiv. So auch Trump. Doch anstatt seinen Blind Spot zu erkennen, arbeitet er immer wieder mit Unwahrheiten und erfundenen Argumenten, reißt Zitate bewusst aus dem Zusammenhang und baut sich so seine eigene Wahrheit zusammen. Was nicht in sein Weltbild passt, wird ganz einfach als „Fake News“ abgetan.

Wie Mediation bei der Konfliktlösung helfen könnte

Mit Hilfe von Mediation können Blind Spots gut ausgemacht und verkleinert werden. Auch im Fall Donald Trump sollte daher dringend über die Anwendung eines solchen Verfahrens mit einem institutionellen Mediator nachgedacht werden. Denn ein Impeachement wäre schwierig und es ist auch eher unwahrscheinlich, dass die Demokraten bei den Senatswahlen 2018 eine Mehrheit erreichen werden. Doch im Moment sind die USA praktisch wie gelähmt, zu sehr sind die Institutionen nur damit beschäftigt, Trumps Blind Spot zu kompensieren – und es drohen drei weitere Jahre des Stillstands.

Die Möglichkeit, einen Mediator im institutionellen Bereich einzusetzen, gibt es bislang nicht, während solche Verfahren im diplomatischen Bereich durchaus angewendet werden, um Konflikte zu lösen. So wurde etwa im Bosnienkrieg Richard Holbrooke als Verhandlungsleiter eingesetzt, um zwischen den Beteiligten zu vermitteln. Im innerstaatlichen Bereich ist die Cohabitation in Frankreich ein Beispiel für die erfolgreiche Anwendung einer mediativen Haltung, die eine konstruktive Zusammenarbeit auch zwischen Staats- und Regierungschefs ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtungen ermöglicht. Dazu ist es notwendig, die gemeinsame Interessen, Bedürfnisse und Ziele herauszuarbeiten und das Gemeinsame herauszufiltern, das dem Wohle aller dient.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Mediation, an deren Ende immer eine für alle zufriedenstellende Lösung steht, ist jedoch, dass ein Mediator auch von allen Seiten akzeptiert wird. Neben der Notwendigkeit, ein solches Verfahren auf institutioneller Ebene überhaupt erst möglich zu machen, stellt sich die Frage, ob eine Persönlichkeit wie Donald Trump einem solchen zustimmen würde.

Politisches Handeln: Strategische vs. operative Ziele

Verantwortung ist der Schlüsselbegriff der Arena-Analyse 2013. Politiker sollten sich ihrem eigenen Handeln stärker verpflichtet fühlen, lautet ein Fazit. Es geht dabei allerdings weniger um Verantwortung im moralischen Sinne, sondern vielmehr um ein Bekenntnis zu selbstgesteckten Zielen.

Die für die Arena Analyse befragten Experten konstatieren einen „Vertrauensverlust“ in das politische System. Die österreichischen Bürger trauen dem politischen Führungspersonal die Lösung bestehender Herausforderungen kaum mehr zu. Diese Situation ist nicht bloß unbefriedigend, sondern gleichzeitig drängend.

Es bedarf eines grundlegenden Wandels von Verantwortlichkeit innerhalb des politischen Systems. Bloße Absichtserklärungen, die großen Herausforderungen wie etwa die Reform des österreichischen Bildungssystems anzugehen, reichen nicht aus. Es braucht klare Ziele, an denen sich Handeln und Erfolg messen lassen.

Diese sind Voraussetzung für eine werthaltige Evaluation des politischen Handelns. Die Formulierung einer Vision (z. B.: „Österreich soll die führende Bildungsnation in Europa werden“) ist notwendig, jedoch nicht ausreichend.

Strategische Ziele vs. operative Ziele

Hier kann die Politik über ihren eigenen Tellerrand hinausblicken und sich Gutes aus anderen Systemen zunutze machen. So geben in der Wirtschaft strategische Ziele (z.B.: „Österreich soll ein besseres Bildungssystem bekommen“) die Richtung vor. Sie bestimmen den Handlungsrahmen; können allerdings nicht alleine stehen bleiben. Erst das Formulieren operativer Ziele ermöglicht eine sinnvolle Bewertung des politischen Handelns.

Operative Ziele zeichnen sich dabei durch ihre eindeutige Messbarkeit aus. Sie entsprechen der Strategie im Konkreten und gestalten sie aus. Operative Ziele müssen erreichbar und ergebnisorientiert sein (z.B.: „Bis 2018 soll es 20 Prozent mehr Lehrpersonal an Universitäten geben). Sie bilden die Basis einer Bewertung politischen Handelns.

Mehr persönliche Verantwortlichkeit ist notwendig

Eben diese Bewertung kann der Schlüssel zu besseren politischen Ergebnissen sein. Bisher werden die wichtigen Herausforderungen in Österreich zumeist im Großen angegangen. Dies führt zu einer diffusen Verteilung von Verantwortung. Das Führungspersonal in der Regierung fühlt sich kaum persönlich für die erzielten Ergebnisse verantwortlich.

Dies sehen auch die in der Arena Analyse befragten Experten so. Sie stellen fest, dass „eine konkrete Accountability der politisch Verantwortlichen“ (S. 21) fehlt. Ohne die Formulierung von strategischen und operativen Zielen jedoch, kann genau diese geforderte Verantwortlichkeit kaum entstehen. Das Verständnis für ein Herunterbrechen politischer Herausforderungen in strategische und vor allem operative Ziele wird so zur Grundvoraussetzung eines frischen Winds im politischen System Österreichs.

Stellt sich die Frage, wie strategische und operative Ziele für politisches Handeln formuliert werden können. Wie kann die Politik zu realistischen und gleichzeitig konkreten Zielen kommen? In welchen Aspekten unterscheiden sich Zielformulierungen in der Politik von Zielen in der Privatwirtschaft? Diesen Fragen werde ich mich in meinem nächsten Artikel widmen.

„Politik im Zeitalter der Verantwortung“: Wie kann diese aussehen?

Die vernetzte Welt von heute mit ihren komplexen politischen Prozessen macht es notwendig, politische Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Seit 2006 führt das Public Affairs Beratungsunternehmen Kovar & Köppl die Arena Analyse durch und möchte damit genau dies leisten.

Im Jahresabstand werden dazu Experten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu zukünftigen Herausforderungen qualitativ und offen befragt. Durch eine breit angelegte Auswertung ergibt sich so ein Bild von Themen, die noch unter der Oberfläche schlummern, jedoch bald relevant und prägend werden.

Die Ergebnisse der Arena Analyse 2013 standen unter dem Motto „Politik im Zeitalter der Verantwortung“. Viele Bürger in Österreich nehmen einen „Reformstau“, eine „sinkende Problemlösungskapazität“ der Politik oder gar einen „politischen Stillstand“ wahr. Die Ansprüche an Politik im Jahre 2013 sind gewaltig, während gleichzeitig das Vertrauen in selbige zunehmend zu schwinden scheint. Weiterlesen