Speaker Bertil Tungodden

Fairness im Fokus: Bertil Tungodden war zu Gast beim VBEN

Was empfinden Menschen als fair oder unfair und welche Bedeutung hat das für einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat? Der norwegische Verhaltensökonom Bertil Tungodden forscht intensiv zu Fairness und ihren Auswirkungen, unter anderem mit seinem Centre of Excellence FAIR (Centre for Experimental Research on Fairness, Inequality and Rationality).

Am 25. April war Bertil Tungodden mit seiner Keynote „Fairness, Responsibility, and the Welfare State“ Speaker beim ersten diesjährigen Netzwerktreffen des Vienna Behavioral Economics Network (VBEN). Als „einen der interessantesten Leute auf diesem Gebiet“ stellte ihn Jean Robert Tyran, Vizerektor der Universität Wien, in seiner Begrüßung vor. Er bewundere die große Leidenschaft, mit welcher sich dieser der Thematik sowohl mit Laborexperimenten als auch mit Feldforschung widme und dabei immer noch mehr herausfinden wolle.

Warum wir Ungleichheiten nicht automatisch unfair finden

Mit den Worten „I think Behavioral Economics can change the world“ betrat Bertil Tungodden, Professor an der Norwegian School of Economics und Co-Direktor der Forschungsgruppe „The Choice Lab“, das Podium beim VBEN-Event in der Oesterreichischen Nationalbank und zeigte anhand seiner Forschungen, dass Menschen Fairness nicht immer gleich sehen.

Grundsätzlich sei sie für die meisten zwar sehr wichtig und nachweislich würden unsere Hirnaktivitäten stark zunehmen, wenn wir etwas unfair finden. Doch wir tendieren auch dazu, Ungleichheit auf Grund von Faktoren wie Glück und Verantwortung für das individuelle Schicksal unterschiedlich zu bewerten. So sorgt der Reichtum eines vergleichsweise sehr geringen Prozentsatzes der Bevölkerung zwar für Ungleichheit, er kann in unseren Augen jedoch verdient und damit fair sein. Nicht zu vergessen: Wir mögen „Gewinnertypen“, auch wenn viele Menschen „The-winner-takes-all“-Märkte grundsätzlich als unfair bezeichnen würden. Und im Wettbewerb mit anderen sind wir umso mehr dazu bereit, Ungleichheit zu akzeptieren.

Was für den funktionierenden Wohlfahrtsstaat wichtig ist

Gerade für die Debatte rund um den Wohlfahrtsstaat sei es immens wichtig, dass wir erkennen, wo genau die (un)fairen Ungleichheiten in der Gesellschaft liegen, sagte der Wissenschafter. Dabei spiele es auch eine Rolle, wie der Begriff der persönlichen Verantwortung verstanden wird. Denn je nachdem, wie eine Gesellschaft Verantwortung bewertet, werden auch wesentliche Fragen diskutiert.

Zum Beispiel: Sollen Menschen für Erkrankungen, deren Ursachen in ihrem persönlichen Lebensstil begründet liegen, dafür selbst bezahlen müssen oder nicht? Sollen jene, die durch Entscheidungen, die wir zumeist schon in jungen Jahren treffen, später nur wenig Pension bekommen, dafür verantwortlich gemacht werden oder nicht? Und was ist mit Alleinerziehenden oder Familien? In den USA, so Tungodden mit Verweis auf Robert A. Moffit von der Population Association of America, scheine etwa der signifikante Rückgang von staatlichen Transferleistungen an diese Gruppen in der Annahme begründet zu sein, sie wären persönlich für ihre Situation verantwortlich.

Internationale Fairness-Landkarte im Aufbau

Ein international einheitliches Verständnis von Fairness gibt es nicht, auch das wurde den rund 120 Zuhörerinnen und Zuhörern – darunter sehr viele junge Menschen – im Laufe des Vortrags klar. In Norwegen beispielsweise habe man ein ganz anderes Gefühl für Fairness als in den USA, weiß Tungodden aus Experimenten, die in beiden Ländern zu jeweils abweichenden Ergebnissen führten. Um diese internationalen Unterschiede vergleichbar zu machen, arbeitet er gemeinsam mit weiteren Forschenden, unter anderem auch mit einem Team der Uni Wien, an der Erstellung einer weltweiten „Fairness-Landkarte“ anhand von evidenzbasierten Daten.

Perspektiven und Chancen auch für junge Generationen

Wie wichtig Fairness für eine Gesellschaft ist, betonte in der anschließenden Diskussion auch Martina Tiwald, Vorsitzende der Österreichischen Bundesjugendvertretung (BJV), die 53 Kinder- und Jugendorganisationen vertritt. Wenn es darum geht, wie der Wohlfahrtstaat von morgen aussehen soll, sei diese Frage vor allem auch für die jungen Generationen sehr entscheidend. Insbesondere dann, wenn viele Kinder und Jugendliche in armen Haushalten aufwachsen müssen und dementsprechend weniger Chancen haben.

Alle Kinder und Jugendlichen brauchen selbstverständlich Perspektiven innerhalb der Gesellschaft, pflichtete ihr Petr „Peko“ Baxant, Abgeordneter zum Wiener Landtag und Mitglied des Wiener Gemeinderats (SPÖ), bei. Für die Politik, die entsprechende Rahmenbedingungen schaffen muss, um allen Menschen faire Chancen zu ermöglichen, sehe er durch Erkenntnisse aus der verhaltensökonomischen Forschung noch sehr viel Potenzial.

Save the date: VBEN am 5. Juni 2018

„Sucht, Verlangen und Freiheit“ – beim nächsten VBEN-Treffen am 5. Juni 2018 um 18:30 Uhr im Haus der Industrie (Schwarzenbergplatz 4, 1030 Wien) werden Gerhard Fehr, CEO und Executive Behavioral Designer FehrAdvice & Partners, und Martin Kocher, Verhaltensökonom und Leiter des Instituts für Höhere Studien IHS, als Keynotespeaker zu diesem durchaus kontroversen Thema sprechen. Infos und Anmeldung unter vben.at

Alle Fotos: VBEN/APA-Fotoservice/Godany, Fotografin: Jacqueline Godany
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